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08.09.11

Über Hindernisse und Olympia

Hier Maier (63), zweifacher Olympiateilnehmer, ehemaliger deutscher Rekordhalter, der Mann von der Schwäbischen Alb, aufgewachsen in Steinen und Landschaft des schwiegerelterlichen Steinbruchs in Genkingen, kantig. Dort Ghirmai (32), fünffacher deutscher Meister, im afrikanischen Eritrea geboren, als Vierjähriger mit den Eltern aus dem Bürgerkrieg mit Äthiopien nach Gomaringen bei Tübingen geflohen, Rastalocken und ein freundliches Lächeln als äußeres Markenzeichen, der christliche Glauben als inneres Fundament, filigran.

»Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen. Sie ist Weltklasse« »Ich finde deine Karriere großartig«, zollt der nur 1,68 Meter kleine Ghirmai dem 1,84 Meter großen Mann von der Alb gleich zu Beginn ein großes Lob. Maier begann seine Laufkarriere auf Aschenbahnen, als man noch selbstgemachtes Brot und Honig in der Sporttasche dabei hatte. Zehn Jahre rannte er über alle Hindernisse und startete 1972 in München sowie 1976 in Montreal für Deutschland bei den Olympischen Spielen. Beides Mal schied er im Vorlauf aus.

»Höhepunkte waren für mich die Rennen in Skandinavien«, blickt Maier zurück. 1973 in Oslo lief der Schwabe mit 8:23,0 Minuten seinen zweiten deutschen Rekord. Den ersten hatte er wenige Wochen zuvor im Münchner Olympiastadion beim USA-Länderkampf erzielt. Mit 8:22,47 Minuten erzielte Maier 1976 in Stockholm seine persönliche Bestzeit und rangiert damit in der ewigen DLV-Bestenliste auf Rang 17., nur zwei Plätze hinter Filmon Ghirmai (8:20,50 Minuten). »Vor dieser Leistung kann man nur den Hut ziehen, sie ist Weltklasse«, sagt Maier über Ghirmai.

Ghirmai hat mit einem dreiwöchigen Höhentrainingslager in den Engadiner Bergen jetzt seine letzte große sportliche Reise begonnen. Dorthin, wo Maier schon zweimal war. »Ich möchte zu den Olympischen Spielen«, sagt Ghirmai, der seinen bislang größten Erfolg als Europacupsieger 2007 im Münchner Olympiastadion feierte und auch schon bei Welt- und Europameisterschaften dabei war.

Die Fachsimpeleien zwischen Ghirmai und Maier zu Themen wie Normerfüllung, Großereignisse, Trainingsgestaltung oder Laktatmessungen zeigen: die großen äußerlichen Unterschiede münden generationsübergreifend in viele Gemeinsamkeiten.

Deutlich unterschiedlich ist die berufliche Seite der beiden. Maßgeblichen Anteil an der erfolgreichen Karriere Willi Maiers hatte der Genkinger Steinbruchbesitzer Herrmann, der seinem Schwiegersohn im eigenen Steinbruchbetrieb den Rücken frei hielt. Ghirmai arbeitete nach seinem BWL-Studium bereits in der Marketingabteilung eines großen Nudelherstellers auf der Alb.

Um sein letztes großes Ziel zu erreichen, hat Ghirmai für ein Jahr eine berufliche Auszeit in Anspruch genommen, um sich voll aufs Laufen zu konzentrieren. »Ich kann mich so viel besser regenerieren und denke, dass ich damit noch einmal in die notwendigen Leistungsbereiche vordringe«, zeigt sich Ghirmai optimistisch. 8:23,00 Minuten ist die geforderte Norm für die Olympischen Spiele in London 2012. In St. Moritz hat er unter anderem zusammen mit Ex-Europameister Jan Fitschen, wöchentlich 160 Kilometer trainiert. »Ich glaube, dass ich meine Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft habe«, macht sich Ghirmai Mut.

Zurück aus der Höhe will er bei den deutschen 10-km-Meisterschaften auf der Straße in Oelde am 10. September und dann auch beim Heimspiel Tübinger Stadtlauf am 18. September starten. Die Begegnung mit Willi Maier in der schweizer Bergwelt hat den 'schwäbischen Afrikaner' inspiriert. »Es war ganz ähnlich, als ich mit 17 Jahren den großen Haile Gebrselassie getroffen habe«, zeigt sich Ghirmai von den Gesprächen abseits der Hindernisse angetan.

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