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23.07.10

Filmon Ghirmai startet bei der Europameisterschaft 2010 in Barcelona

MQ: In welcher Disziplin starten Sie bei der EM in Barcelona?

Ghirmai: Ich starte über die 10000 Meter. Eigentlich ist meine Spezialstrecke die 3000 Meter Hindernis. Bei den Deutschen Meisterschaften über 10000 Metern bin ich in 28.41 Minuten zweiter geworden und hab dazu gleich die EM-Norm von 28.45 Minuten erfüllt. Wegen einer Zerrung am Oberschenkel konnte ich dann leider keine Qualifikationsrennen mehr für den Hindernislauf machen.

MQ: Welche Chancen rechnen Sie sich für die EM aus?

Ghirmai: Es ist für mich das erste Mal, dass ich international über die 10000 Meter starte und kann es sehr schwer einschätzen. Ich hoffe aber, dass es ein taktisches Rennen wird und ich meine bisherige Bestzeit von 28:41 Minuten deutlich verbessere kann. Dann werde ich sehen, was dabei rauskommt.

MQ: Sie hatten im Mai bereits die EM-Norm für die 10000 Meter geschafft. Trotzdem mussten Sie sich aber bei der Deutschen Meisterschaft noch gegen Musa Roba-Kinkal durchsetzen, weil der Deutsche Leichtathletikverband Sie wegen Ihrer Verletzung im Juni nicht nominieren wollte. Unter welchem Druck standen Sie am vergangenen Sonntag bei der Deutschen Meisterschaft?

Ghirmai: Schon allein wenn man zur Deutschen Meisterschaft fährt, steht man unter Druck und unter Hochspannung. Wenn man dann im Rennen noch ein weiteres Rennen hat, ist der Druck sehr groß. Zur EM dürfen nur drei Athleten in einer Disziplin mitfahren. Deshalb war die Aussage des DLV: Wer von uns als erster ins Ziel kommt, fährt zur EM. Wir haben das beide nicht so recht verstanden, aber für Musa war das natürlich nochmal eine Chance. Für mich war es ganz schön schwer, mir vorzustellen, dass ich die Norm eigentlich als drittschnellster gelaufen bin, aber trotzdem nicht zur EM darf. Deshalb war die Anspannung enorm. Aber ich konnte im Vorfeld gut trainieren, war gut vorbereitet und wusste, dass ich es schaffen kann, Musa zu schlagen. Für ihn hat’s mir dann bei der Deutschen Meisterschaft trotzdem sehr leid getan.

MQ: Machen auch Ihre Sponsoren Druck?

Ghirmai: Klar ist es auch für die Sponsoren gut, wenn der Athlet bei internationalen Meisterschaften dabei ist, Druck gibt es aber überhaupt keinen. Der Druck kommt eher von mir selber. Wenn mich zum Beispiel die Imnauer Mineralquellen mit Wasser frei Haus versorgen, was gerade bei der Hitze einfach genial ist, dann will ich auch eine Gegenleistung bringen.

MQ: Wie viel Flüssigkeit nehmen Sie als Hochleistungssportler täglich zu sich?

Ghirmai: Ganz schön viel – vor allem bei den jetzigen Temperaturen ist es enorm wichtig, viel zu trinken. Da kann es schon mal sein, dass ich bis zu 8 Liter Wasser am Tag zu mir nehme. Das immer zu kaufen, wäre ganz schön teuer. Schon allein deshalb bin ich richtig froh, die Imnauer Mineralquellen als Sponsor gewonnen zu haben.

MQ: Trinken Sie nur Wasser? Sind andere Getränke tabu?

Ghirmai: Wegen dem großem Flüssigkeitsverlust ist es für mich sehr wichtig, dass ich darauf achte, die verlorenen Mineralien wieder meinem Köper zu Verfügung stelle. Optimal sind hier für mich die Getränke von Apollo.

MQ: Die Imnauer Mineralquellen gehören seit einigen Monaten zu Ihren Sponsoren. Wie kam der Kontakt zustande?

Ghirmai: Ich habe bei der Aktion „Hohenzollern – da läuft was“ einen Vortrag gehalten. Bei der Veranstaltung waren die Mineralquellen als Partner und haben mich gefragt, ob ich schon einen Getränkesponsor habe, was nicht der Fall war. Wir haben einen Termin ausgemacht und uns dann ziemlich schnell geeinigt. Dass es so läuft, ist eher ungewöhnlich. Normalerweise muss man Sponsoren suchen und selbst auf sie zugehen. Das ist oft nicht einfach.

MQ: Sie haben im Jahr 2007 bei den Deutschen Meisterschaften die Goldmedaille über 3000 Meter Hindernis gewonnen, an der Siegerehrung aber nicht teilgenommen, weil die Disqualifizierung Ihres stärksten Konkurrenten sehr umstritten war. Wie wichtig ist Ihnen trotz aller Konkurrenz die Fairness?

Ghirmai: Leistungssportler sind schon so veranlagt, dass sie den Wettkampf gewinnen wollen. Aber über alldem steht für mich die Fairness, das Fairplay und die Ehrlichkeit – gegenüber mir selbst und meinen Konkurrenten. Dass Steffen Uliczka damals disqualifiziert wurde, habe ich richtig unfair gefunden. Er ist nur leicht an einem Hindernis vorbeigelaufen, hat daraus aber keinen sportlichen Vorteil gewonnen. Das haben wir dann auch dem Bundestrainer und den Kampfrichtern gegenüber so vertreten. Er hatte völlig zu Recht die Goldmedaille gewonnen und ich war dann plötzlich trotzdem auf Platz eins. Da wollte ich nicht mehr auf dem Siegertreppchen stehen. Das gleiche gilt aber auch für meine Partner und Sponsoren. Ich muss mich auf sie verlassen können und sie sich auf mich. Bei den Imnauer Mineralquellen hatte ich gleich das Gefühl, dass wir auf einer Wellenlänge liegen. Ich finde es super, wie die Familie Ketterer das Unternehmen leitet.

MQ: Auf der Tartanbahn Konkurrenten, einen Schritt weiter Freunde. Ist das möglich? Wie ist Ihr Verhältnis zu den anderen Sportlern?

Ghirmai: Auf der Bahn ist jeder seines eigenen Glückes Schmied. Jeder will gewinnen. Aber außerhalb sind wir alle gut befreundet, auch weil wir meistens gemeinsam ins Trainingslager fahren. Dieses Jahr waren wir zum Beispiel zusammen in Sankt Moritz. Da haben wir uns dann auch zusammen die Spiele der Fußball-WM angesehen.

MQ: Sie hatten mit Dieter Baumann lange einen deutschlandweit bekannten Trainer, der als aktiver Läufer sehr erfolgreich war. Weshalb haben Sie seit einiger Zeit keinen Trainer mehr?

Ghirmai: Seit ich bei ALB-GOLD arbeite, trainiere ich alleine. Zum einen wollte ich einfach mal eigene Wege gehen. Zum anderen ist es auch sehr zeitaufwändig, sich mit einem Trainer abzustimmen. Wenn man dann noch in einem anderen Beruf arbeitet, ist das sehr schwierig. Deshalb bin ich jetzt mein eigener Herr und es funktioniert ganz gut. Ich entscheide selbst, welche Trainingseinheiten ich absolviere und bin deshalb flexibler. Trotzdem steht mir Dieter immer noch als Berater zur Verfügung.

MQ: Inwieweit ist er für Sie Vorbild? Was haben Sie von ihm gelernt – sowohl sportlich als auch persönlich?

Ghirmai: Sportlich war er für mich schon immer ein großes Vorbild. Von ihm kann man lernen, sich voll und ganz auf etwas einzulassen. Er hat in seiner aktiven Zeit alles auf eine Karte gesetzt und dem Sport alles untergeordnet und wurde ja auch mit seinem Olympiasieg belohnt. Er einfach ein Lebensläufer. Heute ist das natürlich ein großes Risiko, sich nur auf den Sport zu konzentrieren, denn um von der Leichtathletik Leben zu können muss man schon Olympiasieger werden.

MQ: Nach Ihrem Abitur haben Sie Betriebswirtschaftslehre an der Universität Tübingen studiert, heute arbeiten Sie „nebenbei“ in der Marketing-Abteilung bei ALB-GOLD. Wie bringen Sie Sportlerkarriere und Beruf unter einen Hut?

Ghirmai: Während dem Studium ging das echt gut. Ich habe im Sommer weniger, im Winter dafür ein bisschen mehr studiert. Als das Studium vorbei war, stand ich dann vor der Frage, ob ich meine Sportlerkarriere beende. Aber ich hatte das Glück, dass ich bei ALB-GOLD eine 50-Prozent-Stelle bekommen habe. Und da das Hauptnahrungsmittel von Sportler Kohlenhydrate sind, bin ich bei ALB-GOLD natürlich genau richtig.


MQ: Sie haben in jungen Jahren beim VfB Stuttgart Fußball gespielt, sich dann aber für die Leichtathletik entschieden. Was waren die Gründe? Haben Sie das jemals bereut?

Ghirmai: Bereut habe ich es nur in der Anfangsphase. Fußball hat mir da schon gefehlt. Aber die Erfolge haben sich in der Leichtathletik schnell eingestellt und dann war das auch schnell vorbei. Die Leichtathletik ist einfach meine Leidenschaft, das hat man auch beim Fußballspielen gemerkt. Ich habe im Mittelfeld gespielt und war eigentlich immer direkt beim Ball. Dazu kam noch, dass ich in Tübingen noch zur Schule ging. Es war natürlich einfacher, direkt vor der Haustüre laufen zu können und nicht jeden Tag noch zum Training nach Stuttgart fahren zu müssen.

MQ: Das heißt, Sie sind ein „Tübinger Urgestein“?

Ghirmai: Ich bin in Gomaringen aufgewachsen und wohne seit dem Studium in Tübingen. Viele sagen zu mir, ich würde nicht rauskommen, aber ich bin so froh, wenn ich nach Hause komme. Schließlich bin ich fast das halbe Jahr weg – in Trainingslagern oder bei Wettkämpfen.

MQ: Sie sind mittlerweile 31 Jahre alt. Wie lange werden Sie noch um Titel kämpfen? Wie geht es danach weiter?

Ghirmai: Eigentlich mache ich mir darüber nicht so viele Gedanken. Die Mittel- und Langstrecke kann man schon gut bis Mitte 30 laufen. Aber die jungen Sportler rücken nach, das hat man ja bei der Deutschen Meisterschaft gesehen. Musa Roba-Kinkal ist beispielsweise erst Anfang 20. Deshalb plane ich gar nicht langfristig. Seit zwei Jahren mache ich es immer so, dass ich mir am Ende der Saison überlege, ob es für mich noch ein Jahr weitergeht.

MQ: Vielen Dank für das Gespräch. Wir drücken Ihnen für die Europameisterschaft in Barcelona auf jeden Fall kräftig die Daumen.




Filmon Ghirmai – seine größten Erfolge

- 7 Mal Deutscher Meister über 3000 Meter Hindernis
- 1 Mal Deutscher Meister über 10000 Meter
- Europacup-Sieger 2007

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